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Chassidismus
Die wirtschaftliche Situation der Juden zur Zeit der
Entstehung des Chassidismus
Die Bewegung des Chassidismus entstand Mitte des 18.Jahrhunderts in Wolynien und
Podolien / Ukraine.
Zu dieser Zeit dienten zahlreiche Juden den polnischen Feudalherren. Diese
hatten ihre
Besitzungen den Juden verpachtet, die ihrerseits die vom Adel auferlegten Summen
aus den Bewohnern - den Zoporager Kosaken - herauswirtschafteten mussten. Die
Feudalherren sahen die Ukrainer als niedere Rasse an und zwangen sie aufgrund
ihres römisch katholischen Glaubens die Oberherrschaft des Papstes
anzuerkennen. Die ausführenden Organe dieses Unterdrückungssystems waren die
Juden. Deshalb waren sie bei den Kosaken verhasst. Die wirtschaftliche Lage
vieler Juden war zu Beginn des 17. Jahrhunderts sehr gut, da sie das Recht der
Branntweinherstellung bekommen hatten. Außerdem war es ihnen erlaubt mit
Getreide zu handeln. Sie waren wirtschaftlich wichtige Glieder im polnischen
Feudalstaat. Ihre wirtschaftliche Funktion entsprach ihrer politischen Lage. Sie
bildeten im eigentlichen Sinne einen "Staat im Staate".
Dies und die Rolle einiger Juden als ungeliebte Verwalter adligen Großbesitzes
führte zu Auseinandersetzungen mit der slawischen Bevölkerung.
Durch die Vergeltung des Kosakenführers Bogdan Chmielnicki begann ein
nationaler Rach ezug
gegen die Juden. Viele Tausende mussten dadurch ihr Leben lassen. Innerhalb von
10 Jahren (1648 - 1658) ermordeten die Kosaken etwa 250 000 Juden. Viele jüdischen
Gemeinden und damit auch deren geistig und kulturelles Leben wurden zerstört.
Zu Beginn des 18.Jahrhunderts waren die ukrainischen Juden vielfach verarmt, da
die Konkurrenz der Christen im Handel ihnen Not bereitete. Die jüdische Bevölkerung
schien wirtschaftlich dem Untergang geweiht.
In dem Pseudo-Messias Sabbatai Zwi suchte man in dieser Situation Erlösung.
Dieser brachten jedoch nur entsetzliche Enttäuschung.
Die eigentliche befreiende schöpferische Tat kam von den Juden selbst. Es
entstand eine religiös gesellschaftliche Selbstbefreiung (Autoemanzipation) aus
den Tiefen des nationalen Lebens - der Chassidismus. Die Juden erkannten ihre
Resignation und mobilisierten ihrer letzten Kräfte. Durch die Sehnsucht nach Überwindung
der furchtbaren gesellschaftlichen Not entstand der Chassidismus. Im Gegensatz
zum zeitgenössischen Rabbinismus predigte diese neue Bewegung religiöses Gefühl
und Gleichheit. Auch der Unwissende wird durch die Stärke seines Gefühls ein
Gleichberechtigter.
Die Ideenwelt des Chassidismus
Im Chassidismus lässt sich der Gedanke der Demokratie in geistiger und ökonomischer
Hinsicht feststellen. Es entstehen hier nicht übersteigerter Intellekt und
Wertung eines Juden nach seiner Gelehrsamkeit im Vordergrund wie im Rabbinismus,
sondern man setzt hier prinzipiell auf das jedem zugängliche religiöse Gefühl
und die Intention (Kawwana).
Der radikale gesellschaftliche Demokratismus zeigte sich bei den ersten Führern,
den Zaddikim. Rabbi Israel Baal-schem tov (ca. 1700 -1760) war der Schöpfer der
Bewegung und widmete sich mit Vorliebe Ungebildeten und Armen aus dem Volk.
Damit schuf er sich den Weg zum Herzen des Volkes. Er passte seine Sprache und
sein Lebensgefühl ihren Neigungen an. Die Nächstenliebe zum Volk stand im
Vordergrund. Der Zaddik repräsentierte den Typus des autonomen Führers und
entspricht so dem Charakter des Chassidismus als einer autonomen
Gemeinschaftsbildung. Er wird aufgrund seiner Begabung zum Führer und ist das
Gegenteil eines falschen Messias. Dieser will die Erlösung jedes einzelnen
selbst vollziehen.
Eine weitere Erscheinung des Chassidismus aus gesellschaftlicher Struktur ist,
dass sie nicht wie in der Mystik des Abendlandes oder der Kabbala einzeln zurückgezogen
und ganz in sich gekehrt leben, sondern ihre Religion in der Gemeinschaft
verwirklichen.
Der innere religiöse Zusammenhang, der zwischen der Idee der Gemeinschaft und
der chassidistischen Religiosität besteht, wird in der Antwort, die der
Chassidismus auf die Frage nach der Möglichkeit religiöser Erkenntnis gibt,
deutlich: Gott erkennen, ist Gott in der Welt verwirklichen. Deshalb spielt die
Freude als Verwirklichung dieser Art religiöser Erkenntnis eine so große Rolle
im Chassidismus.
Die Betonung der Kontemplation ( Gedankenversunkenheit)
Für den Chassiden ist alles auf die Erkenntnis Gottes abgestellt, die mit
Freude, Kawwana und Hitlahabut ("inneres Brennen") erworben wird. Die
verstandschärfende Ausschließlichkeit des Lernens muss deshalb zurücktreten
hinter Gebet und gesellige Zusammenkünfte. Diese Zusammenkünfte waren der Höhepunkt
des chassidistischen Gemeinschaftslebens. Der Gesang spielte dort eine große
Rolle. Es wurden Melodien ohne Worte, welche vom Zaddik selbst erfunden wurden,
viele Stunden lang gemeinsam gesungen. In diesen Gesängen spiegelte sich aller
Schmerz und alle Freude wider.
Die antikapitalistische Tendenz
Das Judentum in Polen und in Russland war kaum vom Kapitalismus ergriffen, da
die wirtschaftliche Gesamtsituation noch nicht reif für eine kapitalistische
Einordnung der Juden war. Dann aber wehrten sich die Führer des Chassidismus
gegen alle bürgerlich-rechtlichen Vorteile. Mit dem Fortschreiten des
kapitalistischen Entwicklung in Polen bildete sich auch langsam eine
kapitalistische jüdische Oberschicht heraus. Dem Chassidismus fehlen die
kapitalistisch-bürgerlichen Tugenden wie Streben nach Reichtum und
wirtschaftlicher Selbstständigkeit. Der größte Teil der Chassidim hatte
deshalb auch keinen festen Beruf. Nur ein kleiner Teil waren Kaufleute und
Handwerker.
Die Chassiden rekrutieren sich aus den ärmsten Klassen und waren an der
kapitalistischen Entwicklung bis zum Niedergang des Chassidismus unbeteiligt.
Auch dem Großhandel bleiben sie fern, weil sie dafür ihre heimatliche
Gemeinschaft für Fernreisen hätten verlassen müssen.
Die Bedeutung des Gesetzes im Chassidismus
Der Chassidismus greift auf die Quellen des eigenen Volkes zurück und formt
selbst neue religiöse Ideen, die im Gegensatz sowohl zu Anschauungen der Umwelt
wie des gerade herrschenden Judentums stehen. Er erkennt die weltlichen
und religiösen Gesetze ohne Vorbehalte an. Diese gelten ihm als Grundlage des
Judentums und der neu erfassten Religiosität. Seine neuen religiösen Inhalte
hat er völlig in die Form des Gesetzes hineingegossen und erkannte dabei dessen
objektiv-gültige nationale Bindungen an und betonte sie. Nur hinsichtlich
bestimmter Gebräuche ( Minhagim) hatte er seine Besonderheiten.
Chassidistischer Humor
( nach Rabbi Shmuel Avidor Hacohen )
Echte Wahrheit
Rabbi Jecheskel pflegte zu sagen:
" Alles kann man kopieren - außer der Wahrheit.
Denn sobald etwas der Wahrheit gleicht, ist es nicht länger die Wahrheit
selbst."
Bedürfnisse
Rabbi Jechiel Michal von Zloczow pflegte zu sagen: " Ich habe niemals einer
Sache bedurft, bis ich sie besaß. Denn daß ich sie nicht besaß, war Beweises
genug, daß ich ihrer nicht bedurfte! "
Realitätssinn
Einst saß ein Rabbi mit anderen bei Tisch. " Ich bin ganz sicher
",sagte er, " daß meine Anhänger stets das tun, wascich ihnen
auftrage. " Einer der Anwesenden fragte voll Erstaunen, wie er sich dessen
so sicher sein könne. " Weil ich ihnen nur auftrage", lautete die
Antwort, " wozu sie sich auch imstande fühlen! "
In Gebetslaune
Ein Chassid fragte einmal seinen Rabbi: " Wie soll ich mich aufs Beten
vorbereiten? " " Bete! " erwiderte der.
Wiederbelebung
Rabbi Menachem Mendel äußerte sich einmal zu solchen Chassidim, die sich damit
brüsteten, daß ihr Rabbi Tote ins Leben zurückrufen könne: " Was mich
betrifft ",sagte er, " mir genügt es vollauf, wenn meine Anhänger
von mir erzählen, daß ich die Lebenden zu wahren Leben bringen kann. "
Getrübtes Verhältnis
Rabbi David von Tolna pflegte zu sagen: " Diejenigen, die immer nur andere
tadeln und jeden außer sich selbst zurechtweisen, kommen mir vor wie das
Wasser, das zwar den Schmutz hinwegspült, doch selbst dabei trübe wird. "
Der Niedergang des Chassidismus
Mit dem Niedergang des Chassidismus verliert dieser auch seinen demokratischen
Charakter. Dies drückt sich am stärksten in der Veränderung der Bedeutung des
Zaddiks aus. Die Kluft zwischen ihm und der Masse wurde immer größer und zwar
wohl in geistiger wie in wirtschaftlicher Hinsicht. Der Zaddik wird zum Mittler,
und er ist im Besitz ganz besonderer, dem Volke ansonsten unzugänglicher
Eigenschaften. Seine Konstitution ist qualitativ prinzipiell verschieden von der
des Volkes. Diese Kluft drückt sich auch in seiner wirtschaftlichen Situation
aus. Der Zaddik wird wohlhabend und gibt sein Geld nicht dem Volk, sondern
steckt es in seine eigene Tasche. Für einen Rat an andere Menschen verlangt er
reichlich Geld. Trotz persönlicher Anspruchslosigkeit umgibt ihn ein fürstlicher
Hof. Außerdem basiert der Beruf des Zaddiks nicht mehr auf Freiwilligkeit,
sondern wird vererbt. Mit dem neuen Typus von Zaddik war aber das ursprüngliche
gesellschaftlich-religiöse und revolutionäre Prinzip des Chassidismus verloren
gegangen.
verfasst von: Kathleen Schibiak
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